Im ersten Teil haben wir uns mit den an der „Causa Hermannplatz“ beteiligten Senatsmitgliedern des bis Dezember 2021 amtierenden Senats unter Führung von Michael Müller (SPD) befasst. Letztlich tragen aber alle Senatsmitglieder – entweder durch aktive Unterstützung der Berliner SIGNA-Projekte oder Passivität – die politische Verantwortung dafür, dass sich die neofeudalistischen Tendenzen in der Berliner Stadtentwicklungspolitik in den letzten Jahren weiter verstärkt haben. Nach der Abgeordnetenhauswahl im September 2021 wurde ziemlich schnell deutlich, dass das schlechtere Wahlergebnis der Partei „DIE LINKE“ auch Auswirkungen auf die Verteilung der Senatsressorts haben könnte und das bisher vom LINKEN-Politiker Sebastian Scheel geleitete Ressort für Stadtentwicklung und Wohnen von der SPD beansprucht wird. In den Koalitionsverhandlungen hat sich dann erwartungsgemäß die SPD durchgesetzt und der bisherige Innensenator Andreas Geisel wurde am 21.12.2021 vom Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses in seinem neuen Amt als Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen vereidigt.

Bevor wir analog zu Teil 1 dieses „Neofeudalismus-Dossiers“ einzelne Mitglieder des neuen „Giffey-Senats“ beschreiben, werfen wir einen kurzen Blick auf den Koalitionsvertrag und das „100-Tage-Programm„. Aus den diversen Presseberichten (u.a. BZ-Artikel vom 22.11.2021)  zur Aushandlung des Koalitionsvertrags lässt sich unschwer erkennen, dass sich die SPD für die Aufnahme der SIGNA-Projekte in den Koalitionsvertrag stark gemacht hat. Dass auf Bundesländer-Ebene ein Koalitionsvertrag abgeschlossen wurde, in dem einem namentlich genannten Privat-Unternehmen so umfangreiche und wirtschaftlich lukrative Zusagen für zwei Immobilien-Großprojekte gemacht werden, ist schon bemerkenswert genug. Das SIGNA-Projekt am Hermannplatz hat es dann sogar in das „100-Tage-Programm“ des Senats geschafft, wo es einen von vier „Plätzen“ des Senatsressorts für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen besetzt. Entsprechend dynamisch hat dann Senator Geisel mit der Umsetzung von rein privatwirtschaftlichen Interessen in praktische Regierungs- und Verwaltungsarbeit begonnen.

In diesem „Teil 2“ der Beschreibung der Förderung neofeudalistischer Entwicklungen durch den Berliner Senat befassen wir uns mit der Zeit zwischen den ersten Äußerungen der neuen Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey im späten Frühjahr 2021 und der Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen am 14.03.2022, bei der Senator Geisel die Abgeordneten über den aktuellen Stand und den Aktionsplan für das SIGNA-Projekt am Herrmannplatz informiert hat.

Regierungszeit des Giffey-Senats (ab 21.12.2021 mit „Vorgeschichte“)

1.) Franziska Giffey (SPD) / Regierende Bürgermeisterin

Bereits lange vor Beginn der „heißen“ Wahlkampfphase zum Berliner Abgeordnetenhaus hat sich die jetzige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey öffentlich für das SIGNA-Projekt am Hermannplatz eingesetzt. Nach einem Bericht des Tagesspiegel mit dem Titel „Ein „Wow“ zum Karstadt-Haus in Berlin-Neukölln -Franziska Giffeys Begeisterung für Planänderungen“ hat sie auf Einladung der SIGNA-Gruppe an der Präsentation der neuen Projektpläne teilgenommen und dabei ihrer Begeisterung freien Lauf gelassen. Im Tagesspiegel-Artikel ist zu lesen, dass Frau Giffey schon im Jahr 2017 als Bezirksbürgermeisterin von Neukölln ein Gespräch mit dem SIGNA-Manager Timo Herzberg geführt hat. An dieser Stelle sei erwähnt, dass das gesamte Karstadt-Areal auf dem Gebiet des Nachbarbezirks „Friedrichshain-Kreuzberg“ liegt, der bis zum Entzug der Planungshoheit als Planungsbehörde für das Hermannplatz-Projekt zuständig war. Angesichts der Tatsache, dass die Flächen des Hermannplatzes zu Neukölln gehören, werden viele Bürger:innen diese „Übergriffigkeit“ der Bezirksbürgermeisterin von Neukölln vermutlich als „normal“ empfinden. Wenn man jedoch den heutigen Stand der Senatspolitik in die Bewertung einbezieht, spricht viel dafür, dass die Weichen für das sich jetzt abzeichnende „Durchwinken“ der SIGNA-Planung schon damals gestellt wurden. Jedenfalls kommen nach dem Lesen des o.g. Tagesspiegel-Artikels als auch des Twitter-Beitrags von Frau Giffey keinerlei Zweifel auf, dass die SPD mit Franziska Giffey an der Spitze die SIGNA-Gruppe trotz der bekannten verschachtelten Firmenstruktur mit vielen hochvermögenden Gesellschafter:innen vorbehaltlos unterstützen wird.

Nach der „Jubel-Veranstaltung“ vom 14.05.2021 hat es wohl kaum jemanden mehr überrascht, dass die zwei aktuellen Großprojekte der SIGNA-Gruppe (Hermannplatz und Kurfürstendamm)  auf die Tagesordnung der Koalitionsverhandlungen gesetzt wurden und die designierte Regierende Bürgermeisterin via B.Z. vom 22.11.2021 verkündete, dass „Berlin auf Verlässlichkeit gegenüber unseren Partnern setzt“, also zu den fragwürdigen Zusagen des Letter of Intent vom 03.08.2020 steht. Auch wenn über den Verlauf der Koalitionsverhandlungen so gut wie nichts nach außen gedrungen ist, dürfte der Einsatz von Frau Giffey den Ausschlag für die Aufnahme der SIGNA-Projekte in de Koalitionsvertrag gegeben haben. Wie man als Mitglied der als Arbeiterpartei gegründeten SPD, die im Hamburger Grundsatzprogramm von 2007 dem „globalen Kapitalismus“ den Kampf ansagt (Zitat von S. 7: „Deshalb kämpfen wir für eine Politik, die im eigenen Land, in Europa und in der Welt eine soziale Antwort auf den globalen Kapitalismus formuliert.“), ein für Außenstehende kaum zu überblickendes Firmennetzwerk mit Gesellschaften im Steuerparadies Luxemburg so vehement wie Frau Giffey unterstützen kann, werden nicht nur kritische Beobachter:innen der aktuellen Senatspolitik befremdlich finden.

Im Vorfeld der Senatsklausur am 15./16.01.2022 hat der für das Hermannplatz-Projekt zuständige Senator Andreas Geisel der Berliner Morgenpost ein Interview gegeben, sehr wahrscheinlich mit Zustimmung der Regierenden Bürgermeisterin. Entsprechend dem auch in der Außenkommunikation feststellbaren Regierungsstil von Frau Giffey („Durchregieren“) wird sie nach unserer Ansicht trotz Einwänden von Teilen der Regierungskoalition die SIGNA-Projekte weiter vorantreiben und dem für die kommenden Genehmigungsverfahren zuständigen Senator Andreas Geisel (SPD) den Rücken stärken. Damit ist die Regierenden Bürgermeisterin die Hauptverantwortliche für die verstärkte Einbeziehung neofeudalistischer Interessen von großen Immobilieninvestoren in das Regierungshandeln des Berliner Senats. Die damit einhergehenden negativen Begleiterscheinungen wie die Beschleunigung der Verdrängung von Bewohner:innen und kleinen Gewerbetreibenden im Umfeld des Hermannplatzes scheinen Frau Giffey und wohl auch vielen SPD-Landespolitiker:innen völlig egal zu sein.

2.) Andreas Geisel (SPD) / Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen

Schon in seiner ersten Amtszeit als Senator für Stadtentwicklung und Umwelt (2014-2016) war Herr Geisel durch eine rechtlich fragwürdige Unterstützung eines privaten Immobilienprojektes am Leipziger Platz aufgefallen. Wie der Tagesspiegel am 12.08.2016 unter dem Titel „Akten belasten Bausenator Geisel“ berichtet, hat Herr Geisel bei diesem Projekt die baurechtlich fragwürdige Entscheidung getroffen, die Investorengesellschaft von der im einschlägigen Bebauungsplan vorgeschriebenen Pflicht der Errichtung von Wohnraum zu befreien. Insider:innen des Berliner Politikbetriebs werden auch mit dem Namen „Peter Strieder“ etwas anfangen können, der diese Investorengesellschaft nach dem Bericht des Tagesspiegel vom 06.07.2016 beraten hat.  Als ehemaliger Stadtentwicklungssenator und SPD-Mitglied mit eigener „Kommunikationsagentur„, die bei der GOOGLE-Suche durch eine für Agenturen ungewöhnliche Zurückhaltung auffällt (es gibt nur ein knappes Kontaktformular), ist Herr Strieder bis heute als Lobbyist für die Immobilienwirtschaft tätig.

Nach dieser „Vorgeschichte“ überrascht es jedenfalls die Fachöffentlichkeit nicht, dass Herr Geisel am 08.01.2022, also nur 18 Tage nach Amtsantritt, im Interview mit der Berliner Morgenpost verkündet hat, für das Projekt Hermannplatz innerhalb der ersten 100 Tage Regierungszeit einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan für das SIGNA-Projekt „Karstadt Hermannplatz“  aufzustellen. Dabei hat nur gut zwei Monate vorher die Auftaktveranstaltung zur „partizipativen Grundlagenermittlung  für das Masterplanverfahren Hermannplatz“ stattgefunden, bei der die damalige Bau-Staatssekretärin Wenke Christoph (LINKE) verkündet hat, dass das gesamte Planungsverfahren völlig ergebnisoffen ist und erst nach Vorlage der Ergebnisse des Masterplanverfahrens über das finale Planungskonzept für das SIGNA-Projekt entschieden werden soll. Tatsächlich läuft es unter der Federführung von Herrn Geisel genau andersherum: Auf der speziell für das „Masterplanverfahren Hermannplatz“ eingerichteten Internetseite „Hermannplatz miteinander“ sind bis heute (14.04.2022) nur die Ergebnisse der 2. Online-Beteilung und die Dokumentation der „Zielgruppen-Werkstätten“ einsehbar. Auch dem Berliner Senat wohlgesonnene Beobachter:innen werden sich fragen, welchen  Sinn diese „Masterplan-Beteiligungs-Show“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen nach dem Beschluss über die Aufstellung eines vorhabenbezogenen Bebauungsplans für das SIGNA-Projekt am Hermannplatz noch haben soll. Schon die erhebliche Länge der anlässlich des Planaufstellungsbeschlusses herausgegebenen Pressemitteilung vom 14.03.2002  mit wortreichen Erläuterungen zum Masterplan-Verfahren ist nach unserer Ansicht ein starkes Indiz dafür, dass die vielen hehren Worte nur das Hauptziel von Herrn Geisel und Frau Giffey, nämlich die Maximierung des Projektentwicklungsgewinns und des späteren Vermietungsüberschusses der Immobiliendachgesellschaft SIGNA Prime Selection AG, vernebeln sollen. Der für das Bauleitplanungs- und Baugenehmigungsverfahren zuständige Senator Andreas Geisel (SPD) verstärkt jedenfalls mit seinem Kotau vor den überwiegend hochvermögenden Gesellschafter:innen der SIGNA Prime Selection AG die Entwicklung hin zu neofeudalistischen Eigentumsstrukturen im gesamten Stadtgebiet und nimmt zudem billigend in Kauf, dass die Bewohner:innen und Gewerbetreibenden in den an den Hermannplatz angrenzenden Kiezen verdrängt werden.

3.) Dr. Klaus Lederer (Die LINKE) / Senator für Kultur und Europa

Schon im Teil 1 dieses „Neufeudalismus-Dossier“ haben wir auf die fragwürdige Rolle des Landesdenkmalsamtes bei der Entwicklung des SIGNA-Projektes am Hermannplatz hingewiesen. Herr Dr. Lederer als einer der Stellvertreter der Regierenden Bürgermeisterin und politisch Verantwortlicher für Entscheidungen des Landesdenkmalamtes hat nicht nur bis heute keine Einwände gegen das denkmalschutzrechtlich fragwürdige SIGNA-Projekt erhoben, sondern scheint die Bauaktivitäten der SIGNA-Gruppe in Berlin sogar nach Kräften zu unterstützen. Ein Beleg dafür ist die Aussage von Senator Andreas Geisel in der Sitzung des „Bau-Ausschusses“ vom 14.03.2022, wonach das Landesdenkmalamt Zustimmung zur Errichtung von zwei „Hochpunkten“ beim zweiten SIGNA-Großprojekt „Karstadt am Kurfürstendamm“ signalisiert hat. Zur Erinnerung: Im bauplanungsrechtlich unverbindlichen „Letter of Intent“ wurde die Errichtung von „1-2 Hochpunkten“ vereinbart. Schon bei einem „Hochpunkt“ könnte man angesichts der für die City-West typischen Blockstruktur denkmalrechtliche Einwände erheben. Nun sieht es so aus, als ob mit Zustimmung von Herrn Dr. Lederer an zwei für Berlin bedeutsamen Orten denkmalrechtliche Belange  vollständig unter die Räder kommen. Bekanntlich ist das Karstadt-Warenhaus am Hermannplatz im jetzigen Bauzustand in der Berliner Denkmalliste eingetragen. Ohne erkennbaren Widerstand von anderen Senatsmitgliedern soll dieses Denkmal geschliffen werden und durch einen Baukörper „überformt“ werden, der die ursprüngliche Fassade nach Art „Potemkinscher Dörfer“ nachbildet. So ist u.a. geplant, die im 2. Weltkrieg zerstörten Geschosse in moderner, für Kaufhausbauten völlig untypischen Holzbauweise zu errichten und die ursprüngliche Art-Deco-Fassade aus Naturstein (noch vor Ort am erhaltenen Bauteil zu besichtigen) soll mit Klinkersteinen nachgebildet werden. Wie eine Denkmalschutzbehörde eine so gravierende Abweichung von allen denkmalrechtlichen Leitlinien gutheißen kann, halten wir schlichtweg für skandalös.

Jedenfalls ist dieses fragwürdige Ergebnis denkmalrechtlicher Abwägungen ein weiterer Beleg für die Ausbreitung neofeudalistischer Stadtentwicklungsideen, die keine Rücksicht auf gewachsene Stadtstrukturen nehmen und ausschließlich der Optimierung des wirtschaftlichen Nutzens ihrer Investoren dienen. Dass Herr Lederer als Kultursenator und Mitglied der Partei „Die LINKE“ dem neofeudalistischen Gebaren der SIGNA-Gruppe nicht nur keinen Widerstand entgegensetzt, sondern die Großprojekte am Hermannplatz und Kurfürstendamm sogar aktiv unterstützt, dürften nicht nur viele Mitglieder seiner Partei befremdlich finden.